Eine Ode an das Bad
Gibt es etwas Entspannenderes, als an einem kalten Wintertag in einem heißen Bad zu versinken … wenn die Wolken – vollkommen träge – grau und tief am Himmel hängen und die Nacht mit sich bringen, noch bevor der Tag überhaupt begonnen hat? Man kommt abends nach Hause, schält sich wie eine Wollzwiebel aus seinen Schichten, die Wangen angespannt vor Kälte und durch die plötzliche Wärme gerötet. Kaum durch die Tür, bewegt man sich schnurstracks ins Badezimmer, schaltet das Licht ein, drückt den Stöpsel in den Abfluss der Badewanne und lässt das Wasser einlaufen. Ausnahmsweise stehen an diesem Abend mal keine Termine an – keine Verabredungen auf einen Drink, kein Abendessen, keine Arbeit und im Fernsehen läuft nichts.
Das Wasser trommelt auf den Boden der Wanne, während man, mit der Hand durchs Wasser gleitend, die Temperatur testet. Das Wasser ist ein paar Grad zu heiß. Perfekt. Dann steigt man hinein. Der große Zeh zuerst, Dampf steigt auf, auf der Oberlippe bilden sich die ersten Schweißperlen. Stück für Stück taucht man mit den Händen am Wannenrand tiefer ein. Zuerst die Füße. Eintauchen, rausziehen und wieder eintauchen. Dann die Waden und schließlich auch die Oberschenkel, wenn man sich langsam hinsetzt. Das Wasser reicht jetzt bis zum Bauchnabel. Man lehnt sich genüsslich zurück, bis es einen schließlich ganz verschlingt.
Badesalz, das man unter den laufenden Wasserstrahl hält, zwingt die Muskeln, sich zu ergeben. Mit jedem Atemzug inhaliert man den Duft der ätherischen Öle auf der Oberfläche und entspannt. Die Augen sind geschlossen, doch das dämmrige Licht dringt angenehm durch die schweren Lider. Die Geräusche hallen von den Kacheln wider und verwandeln das eigene Bad in eine römische Therme. Man öffnet die Augen: Die Kerze ist in der warmen, feuchten Luft flackernd im Spiegel zu sehen. Langsam lässt der Schmerz nach, der durch das Auftauen der eingefrorenen Zehen entstand. Die Außenwelt ist ganz weit weg. Erst einmal. Die Kneipe hat Zeit bis morgen. Ebenso wie Mad Men, der Stapel Magazine, das Blackberry oder die Wäscheberge … Vielleicht nutzt man die Zeit, um die Woche zu planen oder ein paar Seiten in dem Buch zu lesen, das man schon so lange auslesen wollte. Beim Umblättern werden die Seiten feucht.
Wenn die Fingerspitzen aussehen wie schrumplige Rosinen, setzt man sich auf und lässt das Wasser ablaufen. Aber man steht doch noch nicht auf. Eine Weile noch bleibt man im lauwarmen Wasser, bis es fast abgelaufen ist. Dann duscht man sich schnell ab (ein kurzer kalter Blitz, bevor das Wasser warm wird), damit das neue entspannte Ich nicht gleich mit im Abfluss verschwindet.
Dann trocknet man sich zum Schluss schnell ab, bevor man dann die Badezimmertür öffnet. Ein kalter Luftschwall macht dir eine Gänsehaut und holt dich in das Leben nach dem Bad zurück.
Es könnten zehn Minuten oder zwei Stunden gewesen sein: Im Bad scheint die Zeit stillzustehen. Der Dauerstress des Tages hat der Entspannung Platz gemacht und die Zeit hält dein Leben nicht mehr länger im Griff. Auf einmal scheint man alles schaffen zu können. Man hat sich verwandelt, ist warm, besonnen und ruhig.
Das Alltagsgrau lässt sich mit Badewasser entfernen.












4 Kommentare
Coatschi SAYS:
schöön. (:
3. Oktober 2010 um 15:55
Luise SAYS:
Sehr schön geschrieben. Genau das ist der Grund, warum ich jeden Sonntag Abend ein Bad nehme, um mich von der vergangenen Woche zu entspannen und entspannt in die nächste zu starten…
12. Oktober 2010 um 09:17
nora SAYS:
Toll geschrieben. Jetzt habe ich glatt lust auf ein Bad.
19. Oktober 2010 um 15:48
Nora SAYS:
Ohja, toll. Ich liebe baden, vorallem wenn man gestresst ist, einfach sich zeit nehmen ein bad genießen und dann geht der Rest auch gleich viel leichter : )
18. November 2010 um 16:49
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