Bildschön
“Bin ich schön?” Früher oder später stellt sich vermutlich jeder einmal diese Frage – oder wird vielleicht vollkommen unvorhergesehen mit ihr konfrontiert. Wir betrachten die Gesichter auf Zeitschriften und in Anzeigenkampagnen, die perfekten, wohlgeformten Silhouetten und mit fast schon kindlicher Naivität, subtil und völlig nüchtern schwebt eine Art Vergleich in unserem Kopf. Sehe ich auch so aus? Und bei so viel Perfektion fällt die realistische Einschätzung meist innerhalb von Sekunden: “Nein, ich sehe so nicht aus.”
Wie wir mit dieser Erkenntnis aber für uns umgehen, wie wir uns dadurch fühlen, das ist sehr verschieden. In den letzten Jahren wurden wir zunehmend über die Wahrhaftigkeit des Bilds der Schönheit, das uns Magazine suggerieren, aufgeklärt. Nicht nur wie Styling und Make-up wirken, sondern auch über technische Hilfsmittel, wie Bildbearbeitungsprogramme, die wie selbstverständlich Einsatz finden, um das perfekte Anzeigenfoto zu kreieren. Die Möglichkeiten einer hochwertigen Retusche sind nahezu unendlich. Ein Umstand, dem sich Fotografen, Make-up Artists, Stylisten und Models bewusst sind – und ihn auch bewusst nutzen.
Die Beauty-, Fashion- und Werbeindustrie wird von vielen Seiten ersucht bis angefeindet, die Fotoretusche einzustellen. Manche Publisher, Fotografen oder Designer sehen den Punkt der Kritik und fahren ihre digitale Bildbearbeitung auf ein Minimum zurück. Anstatt nun auf die Retusche einzugehen, wie es schon so oft getan wurde, möchte ich lieber einmal die Frage stellen, warum wir uns überhaupt von diesen perfekten Bildern so beeinflussen lassen.
Die Fotoretusche ist heute ein offenes Geheimnis. Nur, weil die technische Umsetzung nahezu spielend geworden ist im digitalen Zeitalter, heißt es nicht, dass früher nicht auch schon Fotos retuschiert wurden. Seit es die bildliche Darstellung gibt, wurde die Wirklichkeit angespornt durch den Betrachter verschönert dargestellt. So wurden nicht nur Portraits, auch Stillleben oder Landschaften aus dem 17. oder 18. Jahrhundert häufig von den Malern jener Epochen bereits auf der Leinwand perfektioniert. Es liegt offenbar in der ehrgeizigen Natur von uns Menschen etwas zu betrachten und es zu vergleichen: “Würde es noch besser aussehen, wenn wir diese oder jene Kleinigkeit verändern würden?” Man erfand immer neue Möglichkeiten, um die Natürlichkeit hervorzuheben oder zu verbessern. Fotoaufnahmen von Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich wurden ebenfalls aufwendigen, oft umständlichen Retuschen unterzogen, bevor die Ikonen selbst einer Veröffentlichung überhaupt zustimmten, wurde ihr Mythos und Star-Status doch nicht zuletzt über ihre Schönheit definiert und verkauft.
Während ein solch’ übertriebener Schönheitswahn wohl nicht zuletzt wegen der vielen Gesellschaftskrankheiten und kontroversen Diskussionen in den Medien langsam wieder abflacht, bleiben aber die perfekten Bilder auf Werbetafeln und in Magazinen bestehen.
Das Cover eines Magazins gleicht mehr einem Kunstwerk – bildschön, im wahrsten Sinne des Wortes. Und genau als ein solches Kunstwerk sollte man es betrachten, wie ich denke, wenn man die vielen Stufen berücksichtigt, die ein Foto durchläuft bis es wirklich auf das Titelblatt gedruckt wird. Ein Kunstwerk, an dem viele Menschen mitarbeiten – und welches ein ästhetisches Empfinden, einen Wunsch des Fotografen oder Designers zum Ausdruck bringt, kaum anders als ein von Hand gemaltes Bild. Wenn ich es nur unter diesem Aspekt betrachte, finde ich persönlich nicht, dass die Industrie zwingend aufhören muss, die Fotoretusche einzusetzen – aber der Betrachter muss kompetent genug sein, ein solches Bild richtig zu werten. In der kommerziellen Werbung hingegen, wenn die Bildbearbeitung zum Beispiel bei Antifalten-Cremes oder auch frischem Obst unterlassen würde, würden wir als Konsumenten vermutlich noch davon profitieren, dass Hersteller sich noch mehr anstrengen müssten, um dem erstrebten Ideal und Produktversprechen in der Realität nah zu kommen.
Ich halte es für wichtig, dass das Thema immer wieder zur Sprache gebracht wird, ein Bewusstsein dafür geschaffen werden kann, so dass wir die Chance haben eine Kompetenz zu erlernen, die uns mit all diesen Einflüssen umgehen lässt, ein gesundes Selbstbewusstsein für uns zu entwickeln und zu bewahren und nicht unser Eigenbild verfälscht oder zerstört mit falschen Wünschen. Es ist eine gewisse Form der Ehrlichkeit, die manchmal in der Industrie noch vermisst wird, aber auf dem Vormarsch ist.
Eine Ehrlichkeit, die transparent und verständlich dem Betrachter vermittelt, dass eine Fotostrecke, ein Magazin-Cover oder ein Anzeigenmotiv eine schöne, bildlich dargestellte Kunstform ist, ein Dia einer “bildschönen” Wunschfantasie – nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger.












14 Kommentare
anni SAYS:
Klar findet man es toll wunderschöne makellose Bilder zu sehen, aber es ist schon richtig wenn man weiß wie es vorher evtl. aussah wird einem anders. Wieso kann man die Bilder nicht so verändern das sie der echten Realität als das Foto *nackt* war unbearbeitet näher kommt. Oder Bildstrecken bewusst rausbringen wo nichts verändert wurde. Für junge Mädchen ist es besonders schlimm, sie eifern etwas evtl hinterher was gar nicht real ist…
14. Oktober 2010 um 21:37
Cosline SAYS:
Super Beitrag! Meiner Meinung nach könnten sich Frauen besser mit Models identifizieren die in dem Sinne keine sind. Ein besipielhaftes Vorbild ist die Zeitschrift “Brigitte” die Ihr Titelblatt ohne Models gedruckt hat. Dies trägt schon ein wenig dazu bei der Realität zu entsprechen. Besonders gefährlich wird es auch für junge Mädchen, die nach den perfekten Titelblättern nacheifern. Denn wir sehen ja, dass der Wunsch nach Perfektion auch zur Magersucht führen kann.
15. Oktober 2010 um 07:33
Carina SAYS:
Ich glaube eine der wichtigsten Fragen für den Konsumenten ist doch: “Würde ich dieses oder jenes Produkt kaufen, wenn es nicht perfekt in Szene gesetzt wäre?”
Ich meine damit, ob man ein Produkt kaufen würde, welches schon an einem Model nicht gut aussieht.
Oft stellt man sich die Frage – würde das an MIR gut aussehen? Auch wenn es in der Werbung an diesem mageren, bildschönen Mädchen mit kleinen Schönheitsfehlern nicht vorteilhaft aussieht?
Ich möchte damit nicht sagen, dass ich die komplette “makellose Bilderindustrie” voll und ganz unterstütze; dennoch sehe ich es realistisch und von der marketingstrategischen Seite. Ich glaube, bevor eine solche “Revolution” (wie es die nichtmehr-Verschönerung ist) Wahrheit werden kann, müssen erstmal wir Konsumenten umdenken.
15. Oktober 2010 um 08:55
Satin Mistress SAYS:
Also ich sehe das alles auch sehr kritisch. Einerseits finde ich, dass ein kleinwenig Retusche ja in Ordnung ist. Damit meine ich, mal einen Pickel wegretuschieren oder sowas Ähnliches.
Aber ich war schon echt erschrocken, als ich zum Beispiel das letzte Bild von Madonna gesehen habe, jemand hat das Original auch veröffentlicht um zu zeigen, wieviel bei dem Bild eigentlich verändert wurde. Ich war geschockt, OBWOHL mir bewusst war dass natürlich retuschiert wurde. Aber diese Bilder dann noch so nebeneinander zu sehen, um zu vergleichen, das war schon heftig. Ich finde, die Medien sollten auch mit Retusche etwas offener umgehen. Wie “Anni” schon meinte, zum Beispiel einen Bildband mit den Originalen rausbringen. Gerade junge Frauen und Mädchen denken am allerwenigsten an Retusche, wenn sie in Magazinen blättern oder das Cover angucken. Irgendwie muss dieses Thema einfach mehr und öfter diskutiert werden, damit Retusche so selbstverständlich wird wie absolut glatte Haut in einem Werbespot:)
19. Oktober 2010 um 09:06
Klarissa SAYS:
Dem Kommentar von Carina stimme ich 100% zu, du hast es wirklich auf den Punkt gebracht! Mir ist aufgefallen das selbst ich lieber “schöne” (was das schönheitsideal eben so vorgibt) Produkte kaufe, also Produkte, welch eine einfache Verpackung haben. Ich glaube nicht das ich in meinem Leben “umlernen” werde!
19. Oktober 2010 um 10:37
Natalia SAYS:
Braucht man ein Model, um ein Produkt attraktiv zu machen und zu verkaufen?
Es gibt erfolgreiche Kampagnen in denen kein Model vorkommt, nur ästhetisch perfekt präsentierte Kosmetikartikel (oder ähnliches). Natürlich stellt eine wunderschöne, luxuriöse Verpackung auch eine Täuschung dar, weil sie absolut nichts über den tatsächlichen Inhalt aussagt; aber immerhin wird dabei nicht das Selbstbild jeder Frau gefährdet, die sich das ansieht, wie es bei der Betrachtung von überperfekten Models nachgewiesenerweise der Fall ist.
Was Mode betrifft – bei etwa 95% der Kundinnen sieht die Kleidung eh nicht so aus, wie bei den Models, die sie zur Schau tragen, sogar bei schnöden C&A Klamotten (zum Beispiel), also wäre theoretisch selbst hier ein lebendes Model überflüssig.
Und was die Retusche betrifft – sie ist eine feine Erfindung! Nur muss man sich fragen, warum sie inzwischen zu jedem Anlass angewendet wird, nicht nur bei Magazintiteln, Plakaten, Kunst, etc., wo Details wie Pickel, Schatten, Falten vielleicht die Gesamtwirkung beeinträchtigen, sondern bei nahezu jeder Darstellung einer Frau (selbst Herrn Sarkozy wurde damals im Ruderboot der Bauch wegretuschiert…). Warum darf niemand mehr so aussehen, wie er/sie aussieht? Und warum will niemand so aussehen? Sind wir wirklich so widerlich?
28. Oktober 2010 um 09:13
Mylanqolia SAYS:
Ist die junge Dame auf dem Foto etwa Reni? Ein süßes Motiv, aber das nur am Rande.
@ Natalia: Im Grunde genommen streben wir alle nach Perfektion. Wir wollen das perfekte Auto, die perfekte Küche, das perfekte Haus, das perfekte Leben oder die perfekte Nase. Man setzt uns nur das vor, was wir sehen möchten. Es steckt in den Genen. Selbst bei der Partnersuche entschiedet die Symmetrie. Spannend ist es aber, genau das Vollkommene´und Ebenmäßige zu durchbrechen. Man denke nur an Caravaggio, der sich traute, ein wenig mehr von der Realität abzubilden, um sich eine Marktlücke zu schaffen. Die Heiligen wurden zu 0815-Menschen mit dreckigen Fußsohlen (ein Unding zu seiner Zeit, als Heilige noch ätherische Wesen waren), der Effekt des Hässlichen war und ist heute noch offensichtlich. Man erinnere sich auch an die Affektdarstellungen. Ist ein angstverzerrtes Gesicht schön? Vielleicht geht es auch bei dem Drang nach Retouche um etwas ganz anderes. Man spielt hauptsächlich die Möglichkeiten des Artifiziellen aus. Man schafft Kunst. Wie sagte doch Beuys? Jeder Mensch ist ein Künstler.
11. November 2010 um 03:37
Lynne SAYS:
@Mylanqolia
Die Dame auf dem Bild sieht Reni zwar ein wenig ähnlich, es ist aber nicht Reni.
Stimme dir bei deinem Kommentar zu, dass man bei Retousche möglicherweise bewusst Kunst schafft in vielen Fällen… nur sieht die oft sehr “realitätsnah” aus – oder wir wünschten uns, dass es so wäre, alles perfekt… Das verwirrt unsere Sinne und unsere Wahrnehmung und Wünschen wohl mehr als eine offensichlich übertriebene, stilisierte Kunstdarstellung.
11. November 2010 um 05:52
Mylanqolia SAYS:
Ups, ich hoffe, ich bekomme jetzt von Reni keinen Ärger, weil das Fotomodell dank meiner schwindenden Sehkraft als Reni-Double durchgegangen ist.
Dass Retouche Verwirrung stiftet, ist schon möglich, allerdings enttarnt sie sich auch oft selbst, wenn man an die schönen Mascara-Ads denkt. Wimpern bis zum Pony – darüber muss man doch schmunzeln.
15. November 2010 um 22:52
Johanna SAYS:
Liebe Lynne, ich finde es gut, dass du darüber berichtest wie sehr Fotos bearbeitet sein können und wie das uns beeinflussen kann. Ich stimme mit deiner Meinung, dass Fotos in Magazinen nicht so sehr retuschiert werden sollen überein. Trotzdem wird es immer schönere Menschen geben, als man es vielleicht selber ist, egal ob die Bilder retuschiert sind oder nicht. Das ist nunmal die Realität, deswegen finde ich, dass du lieber einen Artikel schreiben solltest, indem du uns darüber aufklärst, wie man mit sich selber zufrieden wird, OBWOHL man weiß, dass es hübschere Menschen gibt. Einen indem klar wird, wie man sich selber mit seinen Makeln akzeptieren lernt, denn das würde uns jungen Mädchen mehr weierhelfen!
Alles Liebe, Johanna
18. November 2010 um 18:18
Markengürtel SAYS:
Ich find das Bild einfach nur genial, die Farben, dazu diese unglaublichen Augen, super gemacht
Der Artikel ist natürlich auch super, sehe das ähnlich, aber solang man sich dessen bewusst ist, dass solche Bilder nunmal sehr sehr stark bearbeitet sind, ist das doch überhaupt kein Problem. Diese Fotos von Stars, Models etc. ungeschminkt sind doch dafür auch immer eine Genugtuung
19. Januar 2011 um 09:08
Angela SAYS:
Super Farben, Super effekt ein wahrhaft tolles Bild .
3. August 2011 um 23:46
Carla SAYS:
ich finde es gut, dass du darauf hinweist, dass die diskussion zwar abflacht, die schönen bilder aber bleiben. wir sind nonstop von einer über-schönheit umgeben, dass wir regelrecht abgestumpft sind gegen wahre, menschliche schönheit, die ja auch durch nähe entsteht. das versuche ich vielen meiner kunden erst einmal wieder bewußt zu machen. shcönheit ist ein ausdruck von authentizität, nicht von trend.
13. August 2011 um 16:31
Das Jaz SAYS:
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Leider betrachten sich Frauen oft zu kritisch und sehen ihre wahre Schönheit gar nicht. Für Schönheit gibt es keine objektiven Maßstäbe, schon gar wenn man sich klarmach, dass echte Anziehungskraft ohnehin von Gesten und Gesichtsausdrücken transportiert wird und nicht von Stylingschaum und Make-up. Nicht wahr, Ladies?
28. August 2011 um 11:13
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